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Monday, February 11, 2008

An wessen Beispiel?



Wir lesen jetzt Uwe Timm, ,,Am Beispiel Meines Bruders," in einem Kurs der zeitgenössischen deutschen Literatur. Es handelt sich von einem Schriftsteller, der das Tagebuch seines 16-Jahre-älteren Bruders bekommt. Der Bruder trat freiwillig der Waffen-SS bei, wurde in der Ukraine eingesetzt, bekam beide Beine amputiert und ist dort an seinen Verletzungen auch gestorben.

Seine Familie ist nun übrig geblieben: der autoritäre Vater, der selbst bei der Luftwaffe war und seitdem langsam versunken, dem der ältere Sohn alles war; die Schwester, die nie Zuwendung ihres Vaters hatte und erst mit 70 sich als glücklich bezeichnen konnte; die Mutter, die im Schatten ihres Mannes stand—und der kleine Uwe, der nicht sein Bruder war.



Indem er der Geschichte seines Bruders nachgeht--was er machte, was er war--stellt Uwe ihn in Frage. Warum trat er damals freiwillig ein? Diese Frage verlangt danach, der Familie nachzuschauen. War sein Vater nur ein ,,guter Deutsche“? Tugendhaft der Arbeit nachgehend, kurzfristigen Erfolg erlangend, hatte er es von seinem Sohn erwartet, das Vaterland zu verteidigen? Obwohl nie in der Partei, war der Vater ein Nazi? Und gleichzeitig auch ein Mensch? Und was für einen? Betrachtet man die Familie, betrachtet man die Gesellschaft. Sie waren ja normale Deutschen, nicht wahr? Die Frage nach der Normalität hinterfragt die gesellschaftlichen Werte, die schließlich zur ,,Endlösung“, zur Menschenvernichtung führten.

Es wurde geschwiegen. Man mochte nicht drüber reden, was damals passiert war—gemacht wurde. Die Ereignisse geschahen nicht vom selbst, sie wurden verübt, begangen. Und von wem? Er fragt nicht warum, der Timm. Vielleicht interessiert es ihm, was einen dazu bringt, Menschen wie in Babij Jar massenweise, tausendfach zu erschießen. Das spricht er aber nicht an, nicht wirklich. Er will wissen warum wir (sie) schwiegen, ob wir (sie) es wussten. Wieso wir (sie) es nicht wissen wollten. Wer hat Schuld?



Das Thema des Schweigens kommt oft vor. Totschweigen—von der Familie keine Nachricht zu bekommen—nicht zu sagen, wie man sich fühlt, nicht drüber reden, was man eben gemacht hat, was gemacht wurde—und dieses Enteignung, dieses Nicht-Haben-Sehen-Wollens—---darin liegt der Schuld. "Das war nicht nur ein Weinen um den toten Sohn, es war etwas Sprachloses" (s. 99). Wie wird man damit fertig?

Wo überschneiden sich Erinnerung, Lüge, Geschichte, Wahrheit? Können sie dieselben sein? Ist es von Bedeutung, was wirklich passiert war, oder ist das Erinnern selbst das Wichtige? Wenn die Leute tot sind, alles, was übrig geblieben ist sind unsere Erinnerungen, sind die Eigenschaften und Tugenden und Sünde, die wir ihnen nachträglich anhängen wie bunte Weihnachtskugel, die gegeneinander prallen und schließlich bersten.

7.10.1941
Aus der Ereignismeldung UdSSR Nr. 106



(...)

II. Exekutionen und sonstige Maßnahmen

Einmal auf Grund der wirtschaftlichen Besserstellung der Juden unter bolschewistischer Herrschaft und ihrer Zuträger- und Agentendienste für das NKWD, zum anderen wegen der in erfolgten Sprengungen und der daraus entstandenen Großfeuer, war die Erregung der Bevölkerung gegen die Juden außerordentlich groß. Hinzu kommt, daß Juden sich nachweislich an der Brandlegung beteiligt hatten. Die Bevölkerung erwartete deshalb von den deutschen Behörden entsprechende Vergeltungsmaßnahmen. Aus diesem Grunde wurden in Vereinbarung mit dem Stadtkommandanten sämtliche Juden Kiews aufgefordert, sich am Montag, den 29.9. bis 8.00 Uhr an einem bestimmten Platz einzufinden. Diese Aufrufe wurden durch die Angehörigen der aufgestellten ukrainischen Miliz in der ganzen Stadt angeschlagen. Gleichzeitig wurde mündlich
bekanntgegeben, daß sämtliche Juden Kiews umgesiedelt würden.

In Zusammenarbeit mit dem Gruppenstab und 2 Kommandos des Polizeiregiments Süd hat das Sonderkommando 4a am 29. und 30.9. 33771 Juden exekutiert. Geld, Wertsachen, Wäsche und Kleidungsstücke wurden sichergestellt und zum Teil der NSV zur Ausrüstung der Volksdeutschen, z. T. der kommissarischen
Stadtverwaltung zur Überlassung an bedürftige Bevölkerung übergeben. Die Aktion selbst ist reibungslos verlaufen. Irgendwelche Zwischenfälle haben sich nicht ergeben Die gegen die Juden durchgeführte "Umsiedlungsmaßnahme" hat durchaus die Zustimmung der Bevölkerung gefunden. Daß die Juden tatsächlich liquidiert wurden, ist bisher kaum bekannt geworden, würde auch
nach den bisherigen Erfahrungen kaum auf Ablehnung stoßen.
Von der Wehrmacht wurden die durchgeführten Maßnahmen ebenfalls gutgeheißen. Die noch nicht erfaßten, bzw. nach und nach in die Stadt zurückkehrenden geflüchteten Juden werden von Fall zu Fall entsprechend behandelt.

Gleichzeitig konnte eine Reihe NKWD-Beamter, politischer Kommissare und Partisanenführer erfaßt und erledigt werden.

Die Bandera-Männer hatten durch die vor Kiew seitens der Kommandos erfolgten Festnahme an Stoßkraft verloren, und es wurde eine Betätigung bisher nur im Verteilen von Flugblättern und Ankleben von Plakaten festgestellt.

3 Festnahmen sind erfolgt, weitere eingeleitet.

Seitens des Gruppenstabes sowie des Sonderkommandos 4a und des ebenfalls in Kiew eingerückten Ersatzkommandos 5 wurde sofort die Verbindung mit den zuständigen Stellen aufgenommen. Mit diesen Stellen wurde eine laufende Zusammenarbeit erzielt und in täglichen Besprechungen die aktuellen Probleme durchgesprochen. Über die Tätigkeit der Einsatzkommandos muß bei der Fülle des Materials jeweils durch entsprechende Tätigkeitsberichte im Einzelnen berichtet werden.

III. Shitomir, Aktionen gegen die Juden.

Nachdem auf Vorschlag des Sonderkommandos 4a seitens der Feldkommandantur eine räumlich begrenzte Zusammenziehung der Juden Shitomirs erfolgt war, konnte festgestellt werden, daß gleichzeitig damit eine merkliche Beruhigung eintrat, wie z. B. auf den Märkten usw. Gleichzeitig flauten bisher sich hartnäckig haltende Gerüchte stark ab und es schien, als ob mit der Zusammenfassung der Juden damit auch einer kommunistischen Propaganda weitgehend der Boden entzogen wäre. Bereits nach einigen Tagen stellte es sich jedoch heraus, daß nur räumliche Zusammenfassung der Juden ohne Errichtung eines Ghettos nicht genügte und in kurzer Zeit die alten Schwierigkeiten wieder auftauchten. Von verschiedenen Dienststellen liefen Klagen über das freche Verhalten der Juden auf der Arbeitsstelle ein. Es konnte festgestellt werden, daß eine rege Propaganda unter den Ukrainern, die besagte, daß die Rote Armee sehr bald die ihr entrissenen Gebiete wieder zurückerobern würde, ihren Ausgangspunkt aus dem Judenviertel nahm. Die örtliche Miliz wurde des Nachts und auch bei Tage aus dem Hinterhalt beschossen. Weiter wurde festgestellt, daß Juden ihr Hab und Gut in
Geldeswert umtauschten und die Stadt verließen, um in die westliche Ukraine - d. h. in Gebiete, wo bereits eine Zivilverwaltung besteht - hinüberzuwechseln. Alle genannten Erscheinungen konnten festgestellt werden, die betreffenden Juden wurden jedoch in den seltensten Fällen gegriffen, da sie genügend Möglichkeiten hatten, sich einem Zugriff zu entziehen. Es fand deshalb am 10.9.1941 eine diesbezügliche Besprechung mit der Feldkommandantur statt, in deren Ergebnis beschlossen wurde, die
Judenschaft von Shitomir endgültig und radikal zu liquidieren, da alle bisherigen Verwarnungen und Sondermaßnahmen keine fühlbare Entlastung gebracht hatten.

Am 19.9.41 wurde das Judenviertel ab 4.00 Uhr früh geräumt, nachdem es am Abend vorher von 60 Mann ukrainischer Miliz umstellt und abgesperrt worden war. Der Abtransport erfolgte mit 12 LKW, von denen einen Teil die Feldkommandantur bzw. die
Stadtverwaltung von Shitomir zur Verfügung gestellt hat. Nachdem der Abtransport erfolgt war und die notwendigen Vorbereitungen mit Hilfe von 150 Gefangenen getroffen worden waren, wurden insgesamt 3145 Juden registriert und exekutiert (...)


Das Buch heißt ,,Am Beispiel meines Bruders“. Wem ist der denn ein Beispiel? Ist er ein Beispiel oder ein Spiegelbild? Beispiel oder Gegenbild? Beispiel oder Vorbild? Wie sehr steckt der Vater in ihm? Wie sehr gleicht ihm Uwe? Wäre er auch so geworden, wenn er früher gestorben wäre?



Der Bruder erscheint ihm, dem Uwe, nur im Traum, im Buch, und in einzelnen Erinnerungen, die ihm flüchtig entfliehen. Stattdessen sieht er nur den Vater, den er nur selten den eigenen nannte—er ist immer nur ,,der“ Vater.

Und da steht Uwe. Im Nachhinein betrachtet er die Familie, die eigene Kindheit, den Bruder und dessen Buch. Steckt in uns allen Monster?

Wednesday, December 26, 2007

Memory lane


Today's weather: snow up to my knees.

Turns out I was all kinds of strange as a kid. When I was really little they made me wear a patch over one eye, "like a pirate", with a picture of a butterfly or a rainbow as an attempt to make the purple monstrosity that was my eyepatch "cuter". I also had something against brushing my hair or wearing coordinated clothing. I was probably cute in an ugly sort of way. They eventually released me, thankfully before I reached the age when caring what others think about you becomes seemingly more important than what you think of yourself.

When I was ten I had hair down to my waist and big glasses. I was a scrawny kid with skinny legs and a bit too much enthusiasm. I could sing the fifty states song and would, with little prompting, break out into a rendition or a choreographed can-can. As far as I can recall I spent a lot of my summers and as much of my winters as possible outside on the road in front of our house. I could tell by the sound if a car was coming, but hardly anyone ever came up there as we lived towards the end of the road. We'd play soccer in the street, or careen down the hill in our little red wagon. I think I even ran over my friend's foot that way. At birthday parties we'd even play Calvinball, sort of the sports version of Mao from Bill Waterson's Calvin and Hobbes comics, which basically consisted of a make-it-up-as-you-go version of soccer meets golf with balls, sticks, and various sundry props. It eventually degenerates into absolute chaos but is absolutely hilarious.

Christmas this year gave us a chance to review some of our Christmas pasts, in the form of recently digitized videos. 1996 seems like a very long time ago. I almost didn't recognize myself on the tape, and my brother's (then) squeaky voice could have been mistaken for my own. We stood on the road and demonstrated soccer moves for the camera, a particularly poorly placed pass on my part precipitating the partial impact with the camera. We chopped down trees and tried to convince the dog to drag them. We decorated the fourteen foot monstrosity.

The best moment, and the one which had us practically rolling on the floor with laughter (aside from my brother's very sexy dance, a cross between a victory dance and a wet monkey), was our little "concert": Arm in arm, my brother and I stood in our old hallway and sang in chorus, "It's Christmas at ground zero / Now the missiles are on their way / What a crazy fluke, we're gonna get nuked / On this jolly holiday!"

To each their own, I suppose. Merry Christmas / Chanukah / Kwanza / Solstice / winter break / whatever the hell you celebrate.



It's Christmas at ground zero
There's music in the air
The sleigh bells are ringing and the carolers are singing
While the air raid sirens blare

It's Christmas at ground zero
The button has been pressed
The radio just let us know
That this is not a test

Everywhere the atom bombs are dropping
It's the end of all humanity
No more time for last-minute shopping
It's time to face your final destiny

It's Christmas at ground zero
There's panic in the crowd
We can dodge debris while we trim the tree
Underneath the mushroom cloud

You might hear some reindeer on your rooftop
Or Jack Frost on your windowsill
But if someone's climbing down your chimney
You better load your gun and shoot to kill

It's Christmas at ground zero
And if the radiation level's okay
I'll go out with you and see all the new
Mutations on New Year's Day

It's Christmas at ground zero
Just seconds left to go
I'll duck and cover with my Yuletide lover
Underneath the mistletoe

It's Christmas at ground zero
Now the missiles are on their way
What a crazy fluke, we're gonna get nuked
On this jolly holiday

What a crazy fluke, we're gonna get nuked
On this jolly holiday!

Monday, December 17, 2007

Sea Fever


Once upon a time I went to Denmark. I used to live kinda nearby, about twenty minutes from the last port-of-call for the Scandanavian ferries travelling to Germany from Sweden and Denmark. To get to Denmark from where I was living without taking a boat, you'd have had to drive all the way up the Jutland peninsula and cross several bridges before reaching Copenhagen. Taking the ferry is much quicker, just load on your car and sit upstairs in the lounge and enjoy. Going to Sweden takes two ferries, and a stop-over in Helsingor/Helsingborg, which is Hamlet's castle. It seemed like our local grocery store was filled to the brim every weekend with the car-ferry tourists loading up on sweets and alcohol, both of which are extensively taxed up north. It was frustrating to want to buy some yoghurts and a loaf of bread and have to wait behind someone with two entire shopping carts full of vodka and wine.

The family I was staying with was friends with one of the ferry captains, so on one trip we got a tour of the cockpit and control room, got to see the radar and GPS displays, the weather monitors, everything. The crewmen are usually trilingual (German, English, and Danish or Swedish) and work long shifts three or four days a week before having a similar stretch off. It's fascinating to be up on the deck and see the water stretching out in all directions, seeing the other boats moving about as tiny dots on the Baltic, dwarfed by our immensity.

We vacationed in Sweden quite a bit and therefore always took the ferry. But if we were going to Denmark, we took a boat. A ship, a sailing ship. A 13-meter yacht, to be more specific. On this particular trip my dad was over visiting from the US, and we planned to head for Copenhagen but poor weather left us stranded in a couple of ports a couple of times. It was a steel-hulled boat but narrow, wouldn't make much over 7 knots even in force 7 or so winds, with gusts up to 9. The only day I was ever seasick was the 9-hour stint from Gedser to Rodby, nine hours in a quartering sea. We had to be strapped into the cockpit with lifelines, and clipped to the railing every time we went up on the foredeck.




Sailing on the Baltic is not like the mediterranean or the carribbean. It can be quite cold, and you wear foul-weather gear most days under most conditions, as the wind and weather really aren't all that warm. If you look at Dutch paintings from the 16th and 17th century onwards, the landscape and fishing scenes, you will see a faint golden glow to the sky. That became the fashion after some pioneering painter went to Italy, but doesn't represent the North sea or the Baltic particularly well, which are grey and eisen, and unforgiving.


"Sea-Fever"

I must down to the seas again, to the lonely sea and the sky,
And all I ask is a tall ship and a star to steer her by,
And the wheel's kick and the wind's song and the white sail's shaking,
And a grey mist on the sea's face, and a grey dawn breaking.

I must down to the seas again, for the call of the running tide
Is a wild call and a clear call that may not be denied;
And all I ask is a windy day with the white clouds flying,
And the flung spray and the blown spume, and the sea-gulls crying.

I must down to the seas again, to the vagrant gypsy life,
To the gull's way and the whale's way where the wind's like a whetted knife;
And all I ask is a merry yarn from a laughing fellow-rover
And quiet sleep and a sweet dream when the long trick's over.

By John Masefield (1878-1967)


I remember this trip as a series of almost discreet memories: sailing by white chalk cliffs and trying to repair the motor, sitting and playing guitar on the piers in the evening, playing with the dinghy in the harbor and walking for an hour and a half in search of a store. Not having a hot shower for three weeks because I could never figure out how to work the faucets, didn't have the correct change, or was simply too late.

We spent four days alone in Copenhagen, my father and I. Though he and I get on and got on really well, and spent plenty of quality time together, this was perhaps the most intensive time we had spent together in a long time, and it was wonderful. We stayed on the ship, docket at Langlinie by the Little Mermaid, and had four days to cruise town, visit the sights, hang out in the dingy but touristy little pubs in Nyhaven, spend an evening talking over a bottle of Romanian wine.

Evenings faded into night, rocked to sleep by the wind and the waves, uneasy of the coming storm but peaceful.